Nora (Ein Puppenheim)

Zum Stück

Rosi­ge Zei­ten schei­nen für die Hel­mers anzu­bre­chen. Tor­vald Hel­mer, vor nicht all­zu lan­ger Zeit von einer schwe­ren Krank­heit gene­sen, ist soeben zum Per­so­nal­chef eines Bank­hau­ses beför­dert wor­den. Nun haben die jah­re­lan­gen finan­zi­el­len Sor­gen ein Ende, und das Idyll, nach dem Nora Hel­mer sich sehnt, rückt zum Grei­fen nahe: ein gemüt­li­ches Zuhau­se, drei gesun­de Kin­der, eine har­mo­ni­sche Ehe, ein Leben im Wohl­stand – eine zucker­wat­teb­un­te Pup­pen­welt.

Doch hin­ter der hei­len Fas­sa­de ver­birgt sich Noras gut gehü­te­tes Geheim­nis. Sie allei­ne war es, die Tor­valds Gene­sung und Kar­rie­re über­haupt erst ermög­lich­te, indem sie mit Hil­fe des zwie­lich­ti­gen Krog­stad ein Dar­le­hen auf­nahm – mit einer gefälsch­ten Unter­schrift erkauft. Als Krog­stad um sei­ne Stel­le in der Bank fürch­ten muss und Nora erpresst, droht der Betrug auf­zu­flie­gen. Wäh­rend man drau­ßen rau­schen­de Feste fei­ert und das neue Jahr begrüßt wird, nimmt drin­nen im Pup­pen­haus das Dra­ma sei­nen Lauf.

Ein in sitt­li­cher Hin­sicht sehr bedenk­li­ches Stück”, urteil­te der Kri­ti­ker Paul Lin­dau 1881 über die deutsch­spra­chi­ge Erst­auf­füh­rung von Hen­rik Ibsens Dra­ma, das die bestehen­de, von frag­wür­di­ger Mora­li­tät und bür­ger­li­cher Heu­che­lei gezeich­ne­te Gesell­schafts- und Fami­li­en­struk­tur radi­kal in Fra­ge stell­te.
Ibsens Nora war ihrer Zeit weit vor­aus – und rührt an Fra­gen, denen heu­te mehr denn je eine bren­nen­de Aktua­li­tät inne­wohnt. Wie ist es in einer zutiefst indi­vi­dua­li­sti­schen Gesell­schaft um unse­re Idea­le bestellt? Wo ver­lau­fen die Gren­zen zwi­schen Selbst­ver­wirk­li­chung, Ver­ant­wor­tung und Moral? Und schließ­lich: wie steht es um unse­re ganz pri­va­te Lebens­lü­ge?

Zum Autor

Hen­rik Ibsen, am 20.03.1828 im nor­we­gi­schen Ski­en gebo­ren, war neben sei­nem Medi­zin­stu­di­um Mit­her­aus­ge­ber des revo­lu­tio­nä­ren Wochen­blat­tes Andhrim­mer, bevor er sich ganz dem Thea­ter zuwand­te und als künst­le­ri­scher Lei­ter nach Ber­gen und Chri­stia­nia (das heu­ti­ge Oslo) beru­fen wur­de. Nach zahl­rei­chen Aus­lands­auf­ent­hal­ten, u.a. in Dres­den, Mün­chen und Rom, ent­stan­den in sei­nen spä­te­ren Jah­ren in Oslo die Stücke, die ihm Welt­ruhm bescher­ten, wie Peer Gynt(1876), Nora. Ein Pup­pen­heim (1879), Gespen­ster (1882), Die Wild­ente (1885), Die Frau vom Meer (1888), Hed­da Gab­ler (1890).
Hen­rik Ibsen starb am 23.05.1906 nach län­ge­rer Krank­heit in Oslo. In sei­ner kon­se­quen­ten Gesell­schafts­kri­tik und rea­li­sti­schen Ästhe­tik präg­te er ent­schei­dend die Auto­ren des Natu­ra­lis­mus. Sei­ne Dra­men zäh­len bis heu­te zu den meist­ge­spiel­ten Wer­ken auf deut­schen Büh­nen und wur­den von nam­haf­ten Regis­seu­ren wie u.a. Peter Zadek, Tho­mas Oster­mei­er und Luc Bon­dy in Sze­ne gesetzt.